Andacht

Puh — ich bin erschöpft.

Der Tag war lang und voll. Ich sitze schwer auf der Hollywoodschaukel hinter unserem Haus. Draußen ist es noch warm und hell.

Meine Seele ärgert sich über die immer noch bestehenden Hygienevorschriften, das nicht gelungene Gespräch – ich habe mich einfach nicht verstanden gefühlt – und über das, was ich nicht geschafft habe. Meine Augen schweifen umher und sehen nichts als Arbeit: Der Wein am Haus müsste beschnitten werden, die langen Gräser zwischen den Steinen staksen wild heraus und der Biomüll sagt meiner Nase, dass er entsorgt werden will.

Da kommt mir folgender Satz in den Sinn, den der ehemalige amerikanische Präsident Abraham Lincoln als Junge gesagt haben soll: »Die Menschen murren, weil keine Rosen ohne Dornen wachsen. Warum  danken sie eigentlich nicht dafür, dass Gott auf dornigen Stängeln so schöne Rosen wachsen lässt?« Warum kreisen meine Gedanken immer nur um die Dinge, über die ich mich ärgere? Warum fällt es mir so  schwer, die Perspektive zu wechseln und mal auf das zu schauen, für was ich dankbar sein kann? Die Luft ist vom Regen sauber und mild. Die Tage sind noch lang, die Farben im Blumenbeet – wunderschön, die  Kräuter aus dem Garten – lecker. Ich bin gesund und meine Kinder auch. Die Reliarbeit, die ich korrigiert habe, ist doch ganz gut ausgefallen und wenn ich mir die filigranen Gräser genau anschaue, dann sehe ich ein Wunder der Schöpfung.

»Danke, Gott, für all Deinen Segen!« Manchmal braucht unsere Seele einen Schubs. Das wusste schon der Beter des 103. Psalms: »Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er Dir Gutes getan hat.«

Es grüßen euch herzlich die Kirchenvorsteher, alle Mitarbeiter und euer Pfarrer Hartmut Stief.

Osterbild von Simone Riedel